Die Erzählung Klein und Wagner entstand im Mai und Juni des für Hesses persönliche und künstlerische Entwicklung prägenden Sommers 1919, in den ersten Monaten des Aufenthalts in der Casa Camuzzi von Montagnola und nach der Trennung von der in Bern zurückbleibenden Ehefrau Mia Bernoulli und den Kindern (vgl. Decker 2013; Höppner 2009, 121). Zusammen mit der im unmittelbaren Anschluss niedergeschriebenen Erzählung Klingsors letzter Sommer bildet das Werk eine in ihrer rhythmischen Gedrängtheit, psychologischen Introspektion und imaginativen Übersteigerung bemerkenswert exaltierte Verarbeitung des zeitgleich durchlaufenen existenziellen Veränderungsschubes. Anarchische Fluchtphantasien, spiegelhafte Traumarbeit, Suizidgedanken und die Feier südlich-weiblicher Sinnesfreude formieren sich zu einem der Klingsor-Künstlerwelt verwandten Motivrepertoire. Sowohl die geographische Neuausrichtung der Schreibexistenz des Verfassers im Hügelland um Lugano wie auch die damit einhergehende familiäre Zäsur hinterlassen im Handlungsaufbau des Textes deutliche Spuren. In seiner Verbindung von aktionistischer Tatenergie, innerseelischen Bedrängnissen und erotischer Verführungskraft erfüllt der Text stärker als viele andere Erzählungen Hesses die traditionellen Vorgaben des Novellenschemas, also ökonomische Handlungsverdichtung, Fokussierung auf eine unerhörte Begebenheit und mitlaufende Reflexion des Erzählprozesses.

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Klein und Wagner (1919)

  • Alexander Honold

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Die Erzählung Klein und Wagner entstand im Mai und Juni des für Hesses persönliche und künstlerische Entwicklung prägenden Sommers 1919, in den ersten Monaten des Aufenthalts in der Casa Camuzzi von Montagnola und nach der Trennung von der in Bern zurückbleibenden Ehefrau Mia Bernoulli und den Kindern (vgl. Decker 2013; Höppner 2009, 121). Zusammen mit der im unmittelbaren Anschluss niedergeschriebenen Erzählung Klingsors letzter Sommer bildet das Werk eine in ihrer rhythmischen Gedrängtheit, psychologischen Introspektion und imaginativen Übersteigerung bemerkenswert exaltierte Verarbeitung des zeitgleich durchlaufenen existenziellen Veränderungsschubes. Anarchische Fluchtphantasien, spiegelhafte Traumarbeit, Suizidgedanken und die Feier südlich-weiblicher Sinnesfreude formieren sich zu einem der Klingsor-Künstlerwelt verwandten Motivrepertoire. Sowohl die geographische Neuausrichtung der Schreibexistenz des Verfassers im Hügelland um Lugano wie auch die damit einhergehende familiäre Zäsur hinterlassen im Handlungsaufbau des Textes deutliche Spuren. In seiner Verbindung von aktionistischer Tatenergie, innerseelischen Bedrängnissen und erotischer Verführungskraft erfüllt der Text stärker als viele andere Erzählungen Hesses die traditionellen Vorgaben des Novellenschemas, also ökonomische Handlungsverdichtung, Fokussierung auf eine unerhörte Begebenheit und mitlaufende Reflexion des Erzählprozesses.