Form
摘要
Der Beitrag bietet eine Einführung in aktuelle Theorien musikalischer Formenlehre. Seit den 1980er-Jahren hat ein kultureller Transfer stattgefunden: Grundlagen der Formenlehre des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Ideen vornehmlich an Beethovens Klaviersonaten und Sinfonien entwickelt waren, wurden zunächst durch Arnold Schönbergs Theorien auf ein neues Abstraktionsniveau gehoben. Durch Schönbergs Schüler Erwin Ratz, Josef Rufer, aber auch Anton Webern etablierte sich diese Theorie und wurde dann von Carl Dahlhaus in den 1970er-Jahren wieder mit den historischen Ursprüngen bei Heinrich Christoph Koch, Antoine Reicha und Adolf Bernhard Marx zusammengeführt. Wesentlich für diese Redaktion war ein gesteigertes Interesse an prozessualem Denken und eine Dezentralisierung von den sogenannten Hauptthemen weg zu nur scheinbar nebensächlichen Details motivischer Arbeit. William Caplin schließlich gab mit seiner Neuaufstellung einer Theorie der klassischen Form in der Musik den Anstoß zu einem weitreichenden Diskurs, der vor allem in der nordamerikanischen Musiktheorie stattfand, aktuell aber als transatlantischer Dialog bezeichnet werden kann. Unter dem Schlagwort »new Formenlehre« werden damit alle Theorien und Forschungsansätze bezeichnet, die einen dynamischen Formbegriff des 19. Jahrhunderts tradieren, dabei aber überkommene und teilweise ideologisch geprägte Voreinstellungen organizistischen Denkens preisgeben, um stattdessen die Wirksamkeit und Vernetzung syntaktischer Prinzipien verstärkt zu untersuchen. Das Kapitel zeigt, wie die »new Formenlehre« historische Ideen transformiert und erweitert, und wie die verschiedenen Ausprägungen dieses sehr diversen Forschungsfeldes am Beispiel der Analyse der ersten Sätze von Ludwig van Beethovens Klaviersonate op. 2,1 und Franz Schuberts »Unvollendeter«, der Sinfonie in h-Moll D 759, ineinandergreifen müssen, um tragfähige Analyseergebnisse zu erzielen.