Die häufig auf rein kompositionstechnische Ebenen reduzierte Analyse im Bereich neuer Musik hat dazu geführt, dass gerade hier die Analysekritik besonders produktiv wurde und immer wieder eine (Re-)Fokussierung auf die Wahrnehmungsrelevanz analytischer Befunde eingefordert hat. Zudem prägte die Forderung nach einer an der ästhetischen Erfahrung orientierten Kompositionstechnik auch den poetologischen Diskurs seit 1945 nachhaltig. Vor diesem Hintergrund können auch Entwicklungen in der wissenschaftlich fundierten Musikanalyse gesehen werden, Strukturanalyse und »klassische« Forschungsmethoden wie Skizzenforschung verstärkt mit wahrnehmungsbezogenen Forschungsfragen zu verbinden, unter anderem durch Einbeziehung musikpsychologischer, empirischer und aufführungsanalytischer Dimensionen. In den Beispielanalysen (Boulez, Structures Ia; Nono, Il canto sospeso; Lachenmann, Gran torso) wird dieses Spannungsfeld zwischen musikalischer Struktur und Wahrnehmung eingehend thematisiert. In der Zusammenschau der drei diskutierten Beispiele wird besonders deutlich, dass die Mehrdeutigkeit von Klangstrukturen – vor allem, aber nicht ausschließlich aufgrund ihrer Distanzierung von tonaler Syntax – als besonders nachhaltige Eigenschaft posttonaler neuer Musik hervortritt und von der Analyse reflektiert werden muss. Konventionelle Methoden, die analytische »Eindeutigkeit« suchen, etwa indem sie ein Ideal struktureller Kohärenz verfolgen oder einen bestimmten (oft vom Komponisten selbst verteidigten) Aspekt der Wahrnehmung herausheben, riskieren diese essenzielle Pluralität der ästhetischen Erfahrung von neuer Musik zu beschneiden.

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Analyse neuer Musik

  • Christian Utz

摘要

Die häufig auf rein kompositionstechnische Ebenen reduzierte Analyse im Bereich neuer Musik hat dazu geführt, dass gerade hier die Analysekritik besonders produktiv wurde und immer wieder eine (Re-)Fokussierung auf die Wahrnehmungsrelevanz analytischer Befunde eingefordert hat. Zudem prägte die Forderung nach einer an der ästhetischen Erfahrung orientierten Kompositionstechnik auch den poetologischen Diskurs seit 1945 nachhaltig. Vor diesem Hintergrund können auch Entwicklungen in der wissenschaftlich fundierten Musikanalyse gesehen werden, Strukturanalyse und »klassische« Forschungsmethoden wie Skizzenforschung verstärkt mit wahrnehmungsbezogenen Forschungsfragen zu verbinden, unter anderem durch Einbeziehung musikpsychologischer, empirischer und aufführungsanalytischer Dimensionen. In den Beispielanalysen (Boulez, Structures Ia; Nono, Il canto sospeso; Lachenmann, Gran torso) wird dieses Spannungsfeld zwischen musikalischer Struktur und Wahrnehmung eingehend thematisiert. In der Zusammenschau der drei diskutierten Beispiele wird besonders deutlich, dass die Mehrdeutigkeit von Klangstrukturen – vor allem, aber nicht ausschließlich aufgrund ihrer Distanzierung von tonaler Syntax – als besonders nachhaltige Eigenschaft posttonaler neuer Musik hervortritt und von der Analyse reflektiert werden muss. Konventionelle Methoden, die analytische »Eindeutigkeit« suchen, etwa indem sie ein Ideal struktureller Kohärenz verfolgen oder einen bestimmten (oft vom Komponisten selbst verteidigten) Aspekt der Wahrnehmung herausheben, riskieren diese essenzielle Pluralität der ästhetischen Erfahrung von neuer Musik zu beschneiden.