Text-Musik-Relationen
摘要
Der Begriff »Volkslied« erhielt seit Herder und Goethe eine Emphase, die noch für Heinrich Heine substanziell war. Das Schlichtheitsgebot der »edlen Einfalt« – Johann Mattheson hatte in der Melodielehre seines Vollkommenen Capellmeisters 20 Jahre vor Winckelmann diesen Begriff in Anlehnung an den der »noble simplicité« französischer Ästhetiker des späten 17. Jahrhunderts übernommen – realisierten Heine wie auch Wilhelm Müller in zahlreichen Gedichten, die als »Volksliedstrophen« angelegt sind; beide hier analysierten Texte operieren unter dieser schlichten Oberfläche mit hochartifiziellen Individualisierungen, die für beide Komponisten ein großes strukturelles wie semantisches Potenzial boten. Im musikalischen Material und den Verfahrensweisen lassen sich, mit dem gewachsenen historischen Bewusstsein der Komponierenden, zahlreiche Referenzen zu früherer Musik aufweisen, die auch in der thematischen, subthematischen und strukturellen Faktur verankert sind. Die Metaphysik der Instrumentalmusik verbindet sich in der erfüllten Innerlichkeit des Klavierlieds mit dem autonomisierten Subjekt-Begriff und – drastisch in den Heine-Vertonungen – mit säkularisierter Religiosität etwa der Marienverehrung. Begrifflich-kategoriales Denken ist zugleich musikimmanent und musiktranszendierend; es wird so ein Teil der geschichtlich sich legitimierenden Substanz des Komponierens. Die Positionen Schuberts und Schumanns verdeutlichend geht den Analysen der Entwurf einer Problemgeschichte der Gattung »Klavierlied« im 19. Jahrhundert voraus.