In der musikalischen Analyse bezeichnet Intertextualität die Feststellung von Beziehungen zwischen Musikstücken, sei es die kompositorische Verarbeitung älterer Musik in Form von Zitaten oder Kontrafakturen oder umgekehrt die analytische Perspektive, die Beziehungen zwischen verschiedenen Musikstücken (Texten) als für deren jeweilige Struktur und Logik wesentlich ansieht. Der Begriff selbst stammt aus der französischen Literaturwissenschaft der durch den Poststrukturalismus geprägten 1960er-Jahre. Allerdings werden intertextuelle Methoden in Komposition und Musiktheorie schon wesentlich länger und jenseits poststrukturalistischer Theorie angewandt. Eine Theorie der Intertextualität setzt erst mit Julia Kristevas Begriffsprägung »intertextualité« an. Dennoch ist es im Kontext musikalischer Analyse undenkbar, die älteren ebenso wie die zeitgenössischen, durch die geisteswissenschaftlichen Strömungen des 20. Jahrhunderts unterschiedlich beeinflussten Ansätze auszublenden, selbst wenn deren Intentionen und Kategoriensysteme mitunter stark divergieren. Im einleitenden Teil werden unterschiedliche Traditionen poststrukturalistischer Theoriebildung sowie der Rezeptionsästhetik vorgestellt. Seit den 1830er-Jahren gewinnen reflexive, die eigene Struktur spiegelnde, und historisierende Kompositionsstrategien zunehmend Einfluss auf das Selbstverständnis von Komposition. Demzufolge müssen intertextuelle Analysen zwischen programmatischer und bereits in der zu analysierenden Komposition intendierter Intertextualität und einem »Denken in Musik« im Sinne lebendiger Tradition, das ältere Musik ohne zitierende Markierungen aufgreift (Horn 2016), unterscheiden. Bei der Anwendung intertextueller Analysemethoden spielt die Kompositionslehre eine nicht zu unterschätzende Rolle: Als wirkungsgeschichtliches Korrektiv bietet sie verifizierbare Anhaltspunkte, um den in der Analyse konstruierten intertextuellen Dialog zwischen Einzelwerken in umfassendere, objektivierbare musikgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Intertextualität

  • Ariane Jeßulat

摘要

In der musikalischen Analyse bezeichnet Intertextualität die Feststellung von Beziehungen zwischen Musikstücken, sei es die kompositorische Verarbeitung älterer Musik in Form von Zitaten oder Kontrafakturen oder umgekehrt die analytische Perspektive, die Beziehungen zwischen verschiedenen Musikstücken (Texten) als für deren jeweilige Struktur und Logik wesentlich ansieht. Der Begriff selbst stammt aus der französischen Literaturwissenschaft der durch den Poststrukturalismus geprägten 1960er-Jahre. Allerdings werden intertextuelle Methoden in Komposition und Musiktheorie schon wesentlich länger und jenseits poststrukturalistischer Theorie angewandt. Eine Theorie der Intertextualität setzt erst mit Julia Kristevas Begriffsprägung »intertextualité« an. Dennoch ist es im Kontext musikalischer Analyse undenkbar, die älteren ebenso wie die zeitgenössischen, durch die geisteswissenschaftlichen Strömungen des 20. Jahrhunderts unterschiedlich beeinflussten Ansätze auszublenden, selbst wenn deren Intentionen und Kategoriensysteme mitunter stark divergieren. Im einleitenden Teil werden unterschiedliche Traditionen poststrukturalistischer Theoriebildung sowie der Rezeptionsästhetik vorgestellt. Seit den 1830er-Jahren gewinnen reflexive, die eigene Struktur spiegelnde, und historisierende Kompositionsstrategien zunehmend Einfluss auf das Selbstverständnis von Komposition. Demzufolge müssen intertextuelle Analysen zwischen programmatischer und bereits in der zu analysierenden Komposition intendierter Intertextualität und einem »Denken in Musik« im Sinne lebendiger Tradition, das ältere Musik ohne zitierende Markierungen aufgreift (Horn 2016), unterscheiden. Bei der Anwendung intertextueller Analysemethoden spielt die Kompositionslehre eine nicht zu unterschätzende Rolle: Als wirkungsgeschichtliches Korrektiv bietet sie verifizierbare Anhaltspunkte, um den in der Analyse konstruierten intertextuellen Dialog zwischen Einzelwerken in umfassendere, objektivierbare musikgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen.