Das vorliegende Kapitel charakterisiert die Vielfalt der religiösen Phänomene (wie z. B. Offenbarungsschriften, doxastische Lehren, religiöse Praktiken, Verehrung und Gebet, Normen und psychologische Einstellungen sowie rituelle Handlungen) einer kulturellen Lebensform durch ihren Transzendenzbezug – wie immer auch darin diese Transzendenz verstanden wird –, und stellt vor diesem Hintergrund die Frage, in welchen Sprachformen diese auf Transzendenz bezogenen, familienähnlichen religiösen Phänomene ihren Ausdruck finden; ja, ob dies überhaupt angemessen und in Beachtung der Sprachkriterien möglich ist. Die Dreifachthese lautet: (1) Auch religiöse Sprache hat einen Wirklichkeitsbezug. (2) Dieser Wirklichkeitsbezug lässt sich nicht von außen, sondern nur von innen, d.h. nur in der (hier: religiösen) Sprache bestimmen und begrenzen. Daher ist (3) auch Grenze der religiösen Sprache, die endliche außerbegriffliche und außersprachliche religiöse Welt sowie das denk- und sprachtranszendente Göttliche oder ganz Andere nur in diesen begrifflichen Ausdrücken gegeben – gerade auch dann, wenn die göttliche Wirklichkeit unabhängig von allen Relationen zum Endlichen existiert, und zwar absolut notwendig existiert. Einer (vor allem an Wittgenstein geschulten) sprachlogischen Dialektik zufolge gilt Sprache vor diesem Hintergrund als notwendige instrumentelle Bedingung einer Begegnung und Zuwendung mit der und zur Transzendenz – als eine Bedingung freilich, die in dieser Begegnung und Zuwendung nicht wegfallen kann und unnötig wird oder wie ein bloßes Mittel funktioniert, das zur Transzendenz führt und danach wegfällt; sondern vielmehr wie ein Mittel, das sich in der Transzendenz zugleich und eben deshalb erhält, weil auch reine Transzendenz an sich die Bedeutung dieses ihres, d.h. des sprachlichen Ausdrucks ist. Sollte auch dies noch wegfallen, würde Transzendenz nämlich ununterscheidbar von Nichts, wobei freilich auch dies – nämlich ‚Nichts‘ – nur in und niemals unabhängig von der Sprache ist und sein kann.

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Religion und Sprache

  • Wilhelm Lütterfelds

摘要

Das vorliegende Kapitel charakterisiert die Vielfalt der religiösen Phänomene (wie z. B. Offenbarungsschriften, doxastische Lehren, religiöse Praktiken, Verehrung und Gebet, Normen und psychologische Einstellungen sowie rituelle Handlungen) einer kulturellen Lebensform durch ihren Transzendenzbezug – wie immer auch darin diese Transzendenz verstanden wird –, und stellt vor diesem Hintergrund die Frage, in welchen Sprachformen diese auf Transzendenz bezogenen, familienähnlichen religiösen Phänomene ihren Ausdruck finden; ja, ob dies überhaupt angemessen und in Beachtung der Sprachkriterien möglich ist. Die Dreifachthese lautet: (1) Auch religiöse Sprache hat einen Wirklichkeitsbezug. (2) Dieser Wirklichkeitsbezug lässt sich nicht von außen, sondern nur von innen, d.h. nur in der (hier: religiösen) Sprache bestimmen und begrenzen. Daher ist (3) auch Grenze der religiösen Sprache, die endliche außerbegriffliche und außersprachliche religiöse Welt sowie das denk- und sprachtranszendente Göttliche oder ganz Andere nur in diesen begrifflichen Ausdrücken gegeben – gerade auch dann, wenn die göttliche Wirklichkeit unabhängig von allen Relationen zum Endlichen existiert, und zwar absolut notwendig existiert. Einer (vor allem an Wittgenstein geschulten) sprachlogischen Dialektik zufolge gilt Sprache vor diesem Hintergrund als notwendige instrumentelle Bedingung einer Begegnung und Zuwendung mit der und zur Transzendenz – als eine Bedingung freilich, die in dieser Begegnung und Zuwendung nicht wegfallen kann und unnötig wird oder wie ein bloßes Mittel funktioniert, das zur Transzendenz führt und danach wegfällt; sondern vielmehr wie ein Mittel, das sich in der Transzendenz zugleich und eben deshalb erhält, weil auch reine Transzendenz an sich die Bedeutung dieses ihres, d.h. des sprachlichen Ausdrucks ist. Sollte auch dies noch wegfallen, würde Transzendenz nämlich ununterscheidbar von Nichts, wobei freilich auch dies – nämlich ‚Nichts‘ – nur in und niemals unabhängig von der Sprache ist und sein kann.