Die Studie stellt einleitend die zentrale Persönlichkeit Albert Zellers vor, der in Deutschland zur Herausbildung des Konzepts der Einheitspsychose Mitte des 19. Jahrhunderts beigetragen hat. Die Studie beginnt mit einer Untersuchung der biografischen Faktoren, die in Deutschland zur Herausbildung des Konzepts der Einheitspsychose Mitte des neunzehnten Jahrhunderts beigetragen haben. Die Studie skizziert insbesondere sein pietistisches Weltbild und sein stark biografisch geprägter Fokus auf affektive Symptome sowie seine öffentliche und vielfach rezipierte Auseinandersetzung mit der berühmten ‚Seherin von Prevorst‘ (Friederike Hauffe). Zudem stellt sie Zellers Kritik an der romantischen Psychiatrie in den zeitgenössischen Kontext und beschreibt seine Besuche zahlreicher psychiatrischer Anstalten in Europa in den Jahren 1832/33. Die Untersuchung entwirrt zugleich die verschiedenen geistigen Stränge, die in das Zeller’sche Konzept der Einheitspsychose verwoben sind. Es wird dabei insbesondere die Wirkung wegweisender, aber meist längst vergessener Figuren wie J. H. F. Autenrieth, J. C. Reil, F. Schleiermacher, J.-É. Esquirol, J. C. A. Heinroth und J. Guislain erläutert. Anschließend wird die Rezeption von Zellers Ideen durch Wilhelm Griesinger analysiert und entscheidende Unterschiede im Verständnis der Einheitspsychose markiert, die eine Grenze zwischen romantischer und naturalistischer Deutungen des Konzeptes abstecken. Die letzten drei Abschnitte befassen sich mit den verschiedenen Abwandlungen bzw. Aufspaltungen des Konzepts der Einheitspsychose, das in den 1860er-Jahren zu zersplittern begann. Die erste Abwandlung findet sich im Werk von Heinrich Neumann, der sich 1859 die Einheitspsychose zu eigen machte und sie in ein materialistisches und postitivistisches Konzept umdefinierte. Die zweite Abwandlung fand ihren Ausdruck in Karl Kahlbaums bahnbrechender Studie über Die Gruppierung der psychischen krankheiten (1863), in der er Zellers Konzept im Wesentlichen beibehält, es jedoch als vesania typica neu definiert und ihm mehrere spezifische klinische Formen hinzufügt. Auf diese Weise ebnete Kahlbaum den Weg zur Kraepelinschen Nosologie, bzw. zur Abgrenzung spezifischer klinischer Formen. Der letzte Abschnitt befasst sich schließlich mit einer späten dritten Abwandlung, die von dem einflussreichen, aber wenig bekannten Anstaltspsychiater Rudolf Arndt vertreten wurde. Arndt unternahm in den 1880er-Jahre den Versuch, alle psychische Phänomene auf ein einziges, universelles, neurophysiologisches ‚Zuckungsgesetz‘ zu reduzieren und behauptete ferner, dass sich alle psychotische Symptome mit Hilfe dieses Gesetzes erklären ließen.

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Die Geschichte der Einheitspsychose vor Kraepelin

  • Gerhart Zeller,
  • Eric J. Engstrom

摘要

Die Studie stellt einleitend die zentrale Persönlichkeit Albert Zellers vor, der in Deutschland zur Herausbildung des Konzepts der Einheitspsychose Mitte des 19. Jahrhunderts beigetragen hat. Die Studie beginnt mit einer Untersuchung der biografischen Faktoren, die in Deutschland zur Herausbildung des Konzepts der Einheitspsychose Mitte des neunzehnten Jahrhunderts beigetragen haben. Die Studie skizziert insbesondere sein pietistisches Weltbild und sein stark biografisch geprägter Fokus auf affektive Symptome sowie seine öffentliche und vielfach rezipierte Auseinandersetzung mit der berühmten ‚Seherin von Prevorst‘ (Friederike Hauffe). Zudem stellt sie Zellers Kritik an der romantischen Psychiatrie in den zeitgenössischen Kontext und beschreibt seine Besuche zahlreicher psychiatrischer Anstalten in Europa in den Jahren 1832/33. Die Untersuchung entwirrt zugleich die verschiedenen geistigen Stränge, die in das Zeller’sche Konzept der Einheitspsychose verwoben sind. Es wird dabei insbesondere die Wirkung wegweisender, aber meist längst vergessener Figuren wie J. H. F. Autenrieth, J. C. Reil, F. Schleiermacher, J.-É. Esquirol, J. C. A. Heinroth und J. Guislain erläutert. Anschließend wird die Rezeption von Zellers Ideen durch Wilhelm Griesinger analysiert und entscheidende Unterschiede im Verständnis der Einheitspsychose markiert, die eine Grenze zwischen romantischer und naturalistischer Deutungen des Konzeptes abstecken. Die letzten drei Abschnitte befassen sich mit den verschiedenen Abwandlungen bzw. Aufspaltungen des Konzepts der Einheitspsychose, das in den 1860er-Jahren zu zersplittern begann. Die erste Abwandlung findet sich im Werk von Heinrich Neumann, der sich 1859 die Einheitspsychose zu eigen machte und sie in ein materialistisches und postitivistisches Konzept umdefinierte. Die zweite Abwandlung fand ihren Ausdruck in Karl Kahlbaums bahnbrechender Studie über Die Gruppierung der psychischen krankheiten (1863), in der er Zellers Konzept im Wesentlichen beibehält, es jedoch als vesania typica neu definiert und ihm mehrere spezifische klinische Formen hinzufügt. Auf diese Weise ebnete Kahlbaum den Weg zur Kraepelinschen Nosologie, bzw. zur Abgrenzung spezifischer klinischer Formen. Der letzte Abschnitt befasst sich schließlich mit einer späten dritten Abwandlung, die von dem einflussreichen, aber wenig bekannten Anstaltspsychiater Rudolf Arndt vertreten wurde. Arndt unternahm in den 1880er-Jahre den Versuch, alle psychische Phänomene auf ein einziges, universelles, neurophysiologisches ‚Zuckungsgesetz‘ zu reduzieren und behauptete ferner, dass sich alle psychotische Symptome mit Hilfe dieses Gesetzes erklären ließen.