In der Bundesrepublik Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern gelten die „Trente Glorieuses“ (1945-1975) als die Zeit einer sich ausbildenden Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Weitgehend vergessen sind indessen zeitgenössische Erzählungen, welche die Erfolgsgeschichte des „deutschen Wirtschaftswunders“ in Frage stellen. Einen Kristallisationspunkt dieser Kritik stellte die westdeutsche Arbeiterliteratur dar, die eine Humanisierung der industrialisierten Arbeitswelt forderte. Vertreterinnen und Vertreter der Arbeiterliteratur sahen sich teilweise scharfer Kritik in den öffentlichen Medien sowie rechtlichen und politischen Angriffen ausgesetzt. In diesem Kapitel wird argumentiert, dass „Arbeit“ und „Arbeitsregimes“ selbst in der Hochphase des bundesdeutschen Wirtschaftswachstums in moralischen Begrifflichkeiten und Kategorien verhandelt wurden. Moralische Vorstellungen und Narrative über das „deutsche Wirtschaftswunder“ waren sowohl mit politischen Dispositionen bezüglich der deutschen Vergangenheit als auch mit der Systemkonkurrenz zwischen Ost- und Westdeutschland während des Kalten Krieges verbunden. Sowohl die Kritik als auch die emphatische Affirmation des Narrativs des „Wirtschaftswunders“ stellen deshalb spezifisch bundesdeutsche Formen einer „Moralisierung des Kapitalismus“ dar.

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Wirtschaftsboom, kritische Arbeiterliteratur und Moral in der Bundesrepublik der 1960er und frühen 1970er-Jahre

  • Sibylle Marti

摘要

In der Bundesrepublik Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern gelten die „Trente Glorieuses“ (1945-1975) als die Zeit einer sich ausbildenden Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Weitgehend vergessen sind indessen zeitgenössische Erzählungen, welche die Erfolgsgeschichte des „deutschen Wirtschaftswunders“ in Frage stellen. Einen Kristallisationspunkt dieser Kritik stellte die westdeutsche Arbeiterliteratur dar, die eine Humanisierung der industrialisierten Arbeitswelt forderte. Vertreterinnen und Vertreter der Arbeiterliteratur sahen sich teilweise scharfer Kritik in den öffentlichen Medien sowie rechtlichen und politischen Angriffen ausgesetzt. In diesem Kapitel wird argumentiert, dass „Arbeit“ und „Arbeitsregimes“ selbst in der Hochphase des bundesdeutschen Wirtschaftswachstums in moralischen Begrifflichkeiten und Kategorien verhandelt wurden. Moralische Vorstellungen und Narrative über das „deutsche Wirtschaftswunder“ waren sowohl mit politischen Dispositionen bezüglich der deutschen Vergangenheit als auch mit der Systemkonkurrenz zwischen Ost- und Westdeutschland während des Kalten Krieges verbunden. Sowohl die Kritik als auch die emphatische Affirmation des Narrativs des „Wirtschaftswunders“ stellen deshalb spezifisch bundesdeutsche Formen einer „Moralisierung des Kapitalismus“ dar.