Schlussfolgerung
摘要
Die meisten Interpretationen des Phänomens des Bolsonarismus durch brasilianische Autor*innen setzen voraus, dass die brasilianische Öffentlichkeit zusammengebrochen ist oder kurz vor dem Zusammenbruch steht. Hier wird ein alternativer Weg eingeschlagen: Es wird versucht, die beschleunigten technisch-kulturellen, soziokulturellen und -politischen Transformationen der Öffentlichkeit des Landes durch die gemeinsame Analyse von Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten zu begleiten, seien sie nun subaltern oder nicht. Während sich die Studien über nicht-subalterne Gegenöffentlichkeiten im Globalen Norden vervielfacht haben, versucht dieses Buch, einen ersten Beitrag zur Betrachtung des Phänomens aus dem Globalen Süden mithilfe eines interpretativen Ansatzes zu leisten, der die normativen Überlegungen der Kritischen Theorie nicht aufgibt. Wir argumentieren, dass die Entstehung des Bolsonarismus nur verstanden werden kann, wenn man die historische Entstehung einer postbürgerlichen Öffentlichkeit in Brasilien betrachtet, die durch eine noch nie dagewesene, aber fragile politische Inklusion von Forderungen aus sozial subalternen Gruppen gekennzeichnet ist. Als solches hat das Bolsonaro-Paradox drei Dimensionen: (1) ein Paradox unbeabsichtigter Konsequenzen, das durch die Verbindung der brasilianischen Neuen Rechten mit dem Bolsonarismus repräsentiert wird; (2) das Paradox der rechten Gegenöffentlichkeit, die einen Versuch der Wiederherstellung der Legitimität sozialer Unterdrückungssysteme als antisystemisch bezeichnet; und (3) das Paradox der von uns sogenannten dominanten Gegenöffentlichkeit: die Anwendung einer „Politik des Schocks“ durch Akteur*innen in zentralen Machtpositionen. Abschließend schlussfolgern wir, dass Bolsonaro mit dieser spezifischen Rhetorik die kulturellen und institutionellen Grundlagen des demokratischen Pakts von 1988 zerstören und die politische Kultur Brasiliens offen autoritär neu gestalten will.